{"id":10573,"date":"2024-09-12T10:10:45","date_gmt":"2024-09-12T08:10:45","guid":{"rendered":"https:\/\/neu.esc.mur.at\/werk\/hyle-2\/"},"modified":"2024-09-12T10:10:45","modified_gmt":"2024-09-12T08:10:45","slug":"hyle-2","status":"publish","type":"werk","link":"https:\/\/neu.esc.mur.at\/en\/werk\/hyle-2","title":{"rendered":"Hyl\u0113"},"content":{"rendered":"\n<p>Die in Berlin lebende Medienk\u00fcnstlerin Theresa Schubert entwickelt Installationen, deren \u00c4sthetik sich zwischen Alchemie und Science-Fiction entfaltet. Dabei befasst sich die K\u00fcnstlerin in erster Linie mit dem Anthropozentrismus, Tierethik und Transspezies. Der Begriff \u201eTransspezies\u201c bezieht sich nicht wie \u201eTransgender\u201c auf Diffusionen zwischen den sozialen Geschlechtern, sondern geht \u00fcber die Grenzen des Menschseins hinaus. Die betroffenen Menschen identifizieren sich also nicht mit der Spezies Mensch, sondern mit einer anderen Spezies \u2013 in der Regel handelt es sich hierbei um unterschiedliche Tier- oder Fabelwesen. Schuberts technoid wirkende Installationen fokussieren das Organische in all seinen Facetten.<\/p>\n\n\n\n<p>Unkonventionelle Visionen von Natur, Technologie und Menschsein werden dabei erforscht. In ihrer k\u00fcnstlerischen Praxis verbindet Schubert \u201e<em>audiovisuelle und hybride Medien zu konzeptuellen und immersiven Installationen oder Performances.<\/em>\u201c Organische Materie, lebende Organismen, Algorithmen und k\u00fcnstliche Intelligenz werden nicht nur in den Installationen als Elemente angewandt, sondern agieren als tats\u00e4chliche Mitsch\u00f6pfer der Werke. Dazu geh\u00f6ren organische Materie und lebende Organismen, Algorithmen und k\u00fcnstliche Intelligenz, die nicht nur als materielle, sondern auch als Mitsch\u00f6pfer Teil des Kunstwerks werden. Dar\u00fcber hinaus arbeitet die K\u00fcnstlerin mit immersiven Videoumgebungen und 3D-Laserscanning, um Wahrnehmungsweisen in Frage zu stellen und die Mensch-Maschine-Beziehung zu hinterfragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die bio-kybernetische Installation <em>Hyl\u0113<\/em> wurde 2022 in Zusammenarbeit mit Ivan Taranin realisiert. Die Installation besteht aus audiovisuellen Elementen und Objekten. Die projizierte Mehrkanal-Videoumgebung zeigt 3D-Laserscans eines Waldes und des Inneren einer Serverfarm. Bei den gr\u00fcn leuchtenden Objekten handelt es sich um Algenbioreaktoren, die durch Luftsensoren direkt mit der Umwelt verbunden sind. Durch das Atmen in eine Trichtervorrichtung werden zwei Aspekte der Installation beeinflusst: Im ersten Schritt wird die mit CO2 angereicherte Luft von einem Sensor gemessen, bevor sie in die Bioreaktoren gepumpt wird. Diese Sensorsignale l\u00f6sen in Echtzeit St\u00f6rungen und Abstraktionen in den gescannten Videoumgebungen und der Klangsynthese aus. Zweitens ben\u00f6tigen die Algen CO2 zur Photosynthese und setzen in diesem Prozess Sauerstoff frei, der in die Luft des Ausstellungsraums zur\u00fcckgef\u00fchrt wird, wodurch eine R\u00fcckkopplung zwischen dem Atem der Besucher:innen, den Algen und den audiovisuellen Sph\u00e4ren entsteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00fcn leuchtenden Glasgef\u00e4\u00dfe sind also Lebensraum f\u00fcr Algen, eine \u201eUr-Suppe\u201c, wie die K\u00fcnstlerin den Inhalt der R\u00f6hren bezeichnet. Die Projektionen der Wald- und Rechenzentrumsinfrastruktur verk\u00f6rpern zudem zwei sehr wesentliche Aspekte unseres Lebens \u2013 Natur und Technologie als Netzwerke. Theresa Schubert \u00fcber die Installation: <em>\u201eWald und Serverfarm sind beide lebenswichtig f\u00fcr das moderne Leben des Menschen. W\u00e4lder reinigen Luft und Wasser. Sie sind auch ein Lebensraum f\u00fcr mehrere Arten und mildern den Klimawandel ab. Auf der anderen Seite repr\u00e4sentieren Serverfarmen unser digitales Leben. Sie sind die \u00fcbersehenen Architekturen des Anthropoz\u00e4ns. Als Infrastruktur unserer Netzwerke geben sie unseren digitalen Daten eine physische Pr\u00e4senz und machen uns bewusst, dass digitales Leben die Welt beeinflusst, indem es Ressourcen nutzt und zum Klimawandel beitr\u00e4gt.\u201c <\/em>Zwischen Abstraktionen und deutlichen Figuren erschaffen die immersiven Projektionen das Bild einer illusorischen Welt. Im esc medien kunst labor sind die Projektionen auf Monitoren zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHyl\u0113\u201c (altgriechisch \u1f55\u03bb\u03b7 <em>hyl\u0113<\/em>, deutsch \u201eHolz\u201c im Sinne von Rohstoff, Stoff, Materie) begegnet uns in der aristotelischen Physik und Metaphysik. Dort ist damit die formbare Materie, das Material, der Urstoff gemeint, der durch techn\u0113 (also die menschliche Arbeit) eine Gestalt annimmt. Schubert: <em>\u201eZwischen Beobachtung, Meditation, Materialexperiment und spielerischer Interaktion generiert die Installation Hyl\u0113 eine durch Algen gefilterte Erz\u00e4hlung \u00fcber Mikroprozesse, [&#8230;]. Die Arbeit agiert als visuelle Metapher, die Netzwerkdynamiken untersucht. Durch unsere Interaktion mit einer lebenden biologischen Skulptur wird in Echtzeit die Umgebung moduliert und sichtbar gemacht.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Installation setzt dem Netzwerk einer Serverfarm das Netz des Waldes (heute wissen wir, dass B\u00e4ume wie ein Netzwerk miteinander verbunden sind) gegen\u00fcber. Die kanadische Forstwissenschaftlerin Suzanne Simard von der Universit\u00e4t British Columbia hat als erste nachgewiesen, dass B\u00e4ume in einem Wald \u00fcber ein \u201eWood Wide Web\u201c miteinander verbunden sind. Mit radioaktivem Kohlenstoff wies Simard nach, dass B\u00e4ume durch die Wurzeln und die F\u00e4den der Mykorrhiza-Pilze N\u00e4hrstoffe und Informationen quer durch den Wald austauschen. Fehlen einem Baum N\u00e4hrstoffe, versorgen ihn die anderen B\u00e4ume. Die Wissenschaftlerin konnte auch nachweisen, dass sogar B\u00e4ume unterschiedlicher Arten sich gegenseitig versorgen. Grundlage f\u00fcr dieses Verhalten ist der st\u00e4ndige Austausch der B\u00e4ume mit Pilzen, den Mykorrhiza. Jeder Baum lebt in enger Verbundenheit mit diesen Pilzen, die \u00fcber ein feines Wurzelgeflecht den Baum mit schwer erschlie\u00dfbaren N\u00e4hrstoffen aus dem Boden versorgen. Der Baum gibt den Pilzen daf\u00fcr Zucker, den die Pilze selbst nicht bilden k\u00f6nnen. Die beiden Lebewesen kommunizieren \u00fcber die Wurzelf\u00e4den miteinander und informieren sich gegenseitig \u00fcber die notwendigen Stoffe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Besucher:innen im esc medien kunst labor nehmen an der interaktiv konzipierten Installation <em>Hyl\u0113<\/em> teil und erfahren dabei ihre eigene Existenz im Raum als Teil eines nat\u00fcrlichen und k\u00fcnstlichen Netzwerks. Die immersive Umgebung wird durch die Besucher:innen beeinflusst, umgekehrt erm\u00f6glicht es die Installation, den eigenen sensorischen Zustand wahrzunehmen. Ausgehend vom aristotelischen Konzept \u201eHyl\u0113\u201c untersucht Schubert also die Vernetzung von Pr\u00e4senz und R\u00fcckkopplung von verschiedenen Aktionen: In einer Infragestellung des Anthropozentrismus erm\u00f6glicht uns Schubert Sinneserfahrungen, die zwischen Realit\u00e4t und Traumsequenz changieren; zugleich werden mikrokosmische Netzwerke sichtbar gemacht. <em>\u201eZu Beginn des Projekts haben wir versucht uns vorzustellen, wie es aussehen oder klingen k\u00f6nnte, wenn nicht-neuronale Lebewesen wie Pflanzen oder Algen tr\u00e4umen k\u00f6nnten\u201c,<\/em> so die K\u00fcnstlerin. Im ertr\u00e4umten Mikrokosmos von Algen erfahren wir, welchen unmittelbaren Einfluss wir auf unsere Umwelt aus\u00fcben.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Ein- und Ausatmen sind wir integrierender Teil von Theresa Schuberts Installation <em>Hyl\u0113<\/em>; Karles projiziert in den Darstellungen feinster Muskelstr\u00e4nge das Innere als tragbare Kleider nach au\u00dfen; Ichihara referenziert vermittels Nahrung auf den Mikrokosmos des menschlichen K\u00f6rpers in Zeiten der Umweltkatastrophen. Der menschliche K\u00f6rper r\u00fcckt damit als Verhandlungsfl\u00e4che ins Zentrum der Sommerausstellung des esc medien kunst labor. Der Mensch \u2013 repr\u00e4sentiert durch seine kleinsten In- und Outputs (das Atmen); \u2013 repr\u00e4sentiert durch die mikroskopischen Strukturen seiner Organe; \u2013 repr\u00e4sentiert durch seine sozialen Rituale, das gemeinsamen Speisen.<\/p>\n\n\n\n<p><sub>[Elisabeth Passath]<\/sub><\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":10446,"template":"","meta":{"_acf_changed":true},"class_list":["post-10573","werk","type-werk","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/neu.esc.mur.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/werk\/10573","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/neu.esc.mur.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/werk"}],"about":[{"href":"https:\/\/neu.esc.mur.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/werk"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neu.esc.mur.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/neu.esc.mur.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/10446"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/neu.esc.mur.at\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10573"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}